Kino International

11. Juli - 4. September 2016

Für die Präsentation im Kino International hat der Künstler neben seinem Panoramabild “Lustgarten Berlin”(1995) eine Auswahl der „Attentatbilder“ aus seinem Zyklus „Zoologischer Garten“ (1995-1998) zusammengestellt.
Alle Bilder haben einen klaren Bezug zur Zeit ihrer Entstehung: Berlin im Umbruch nach der Wiedervereinigung. Sie spiegeln die Suche nach einer neuen Identität, die die Stadt in den 90er Jahren auf allen Ebenen beschäftigte und wovon der attraktive, junge Ruf Berlins heute noch zehrt.

Immer wieder steht die Frage im Raum, welche Kräfte eigentlich die Erneuerung vorantreiben. Sind es "Visionen" des Neuen? Oder sind es die Erinnerungen, die immer wieder wach werden? Gibt es auf kultureller Ebene so etwas wie fossile Quellen, die den Treibstoff für das Hier und Heute liefern?

Lustgarten Berlin

Kai Teichert Berlin1995
Acryl und Wachsstift auf Baumwollnessel
5 Keilrahmen montiert, zusammen 290 x 700cm

Der Titel dieses Gemäldes bezieht sich auf den Berliner Lustgarten im alten Machtzentrum der Stadt zwischen Altem Museum, Zeughaus, Stadtschloss und Dom. Und er bezieht sich auf die Zeit seiner Entstehung: Berlin im Umbruch nach der Wiedervereinigung.

Kai Teichert erzählt: „Obwohl ich bereits 1992 nach Berlin gekommen war, dauerte es doch drei Jahre bis ich eine adäquate Ausdrucksform gefunden hatte für das, was mich beschäftigte. Berlin Mitte war für mich damals wie eine offene, nicht geheilte Wunde. Überall geschundene Häuser, vergilbte Straßenzüge. Ein begehbares Schwarz-Weiß-Foto der Nachkriegszeit. Vergangenheit zum Anfassen. Die Mittelstrasse 49 (noch heute sein Atelier) war eines dieser verletzten alten Häuser, die viel erzählten, weil niemand die Spuren der Geschichte beseitigt hatte. Hier, also im ehemaligen Ostteil der Stadt, zu wohnen und zu arbeiten war für mich als Kind des Westen mehr als ein Abenteuer: Ich durfte teilnehmen an einer großen gesellschaftlichen Expedition; an der Suche nach einer neuen Identität. Es bestand für einige Jahre ein geschichtliches Vakuum mit enormen Gestaltungsmöglichkeiten. Alles schien offen. Aufbruchstimmung überall. Tatsächlich war Berlin Mitte der Neunziger in einer sehr kreativen Form anarchisch. Die Vergangenheit war aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und ließ mit sich handeln. Immer wieder ergaben sich in den alten Ruinen und Kellern jungfräuliche Situationen, kreative Sturzgeburten. Der Zauber des Neuen war groß, die Erwartungen riesig.“

“Lustgarten Berlin“ zeigt ein Gruppe lebensgroßer Menschen, Schatten, Geister in einer weiten, leeren Ebene. Es ist eine kleine Gesellschaft, die in feierlicher Erwartung tatenlos ausharrt zwischen dem, was passiert ist und dem, was kommen wird.

Die Arbeit ist angelegt als Erzählwerk in blaustichigem Schwarz-Weiß und ausgeführt in senkrechter, "schlieriger" Pinselführung, sodass Gestalten und Gegenstände sich im Detail aufzulösen scheinen in einem organischen Raster aus dunklen und hellen Strichen. Aus der Ferne wirken die verschwommenen Konturen wie unscharfe Fotos, obwohl keine fotografischen Vorlagen verwendet wurden.

Auf die Rückseite des Bildes steht geschrieben: „Lustgarten Berlin im Herbst: Wie ein aufgebrachtes Bienenvolk kreisen zehntausende schwarze Stare in brausender Bewegung durch den milden Abend. Einzelschwärme verlieren sich in alle Winde, um alsbald in großzügiger Schleife neu zu den anderen zu stoßen. Ihr Nachtquartier sind die Bäume am Dom. Dort fallen sie ein...“

Rubensstatue

Kai Teichert Berlin1996, aus Zyklus “Zoologischer Garten” 1995-1998
Acryl auf Baumwollnessel, 195x65cm, Leihgabe aus Privatbesitz

Der Zyklus „Zoologischer Garten“ (1995-1998) schließt sich inhaltlich und formal an das „Lustgarten“-Panorama an, indem alle ca. 80 Bilder dieses Zyklus zu einer riesigen Szenerie schattenhafter Gestalten zusammenfügt werden können. Nebeneinandergestellt kann man die Bilder abschreiten wie die Käfige eines Zoos: Eine scheinbar phänomenologische Aneinanderreihung, tatsächlich aber eine morbide Bühne durchwirkt von Zitaten aus der Welt der Kunst und der Tiere. Der Bildraum teilt sich in eine weite Ebene mit angedeutetem Horizont und einen imaginären Innenraum, an dessen Wänden Bilder und Objekte "ausgestellt" sind.

Dieser nackte Mann in Kontrapost-Pose ist inspiriert von Rubens´ Hl. Sebastian in der Berliner Gemäldegalerie. Die Figur ist allerdings ihres ikonographischen Zusammenhangs beraubt und steht wie eine antike Bronzeplastik, die gerade aus dem Meer gefischt wurde, auf weitem Feld. Sie ist also in doppeltem Sinne nackt, und obendrein ist sie auch noch ohne Kopf, ohne Identität.

1996 steuerte die Loveparade in Berlin erstmals auf ein Millionenpublikum zu. Und noch heute ist das Berliner Nachtleben berühmt für seine entfesselte Lustkultur und das Feiern mit vollem Körpereinsatz, wobei die Kontrolle im Kopf mit allerlei Mitteln ausgeschaltet wird.
Gleichzeitig schlägt das Bild eine Brücke zur Fleischeslust des Barock und zum Körperkult der Antike. Es sagt also auch: Jugendliche Kraft, leibliche Schönheit und sexuelle Ekstase gehörten immer dazu. Es sind menschliche „Dauerbrenner“.

Attentat auf Rubens

Kai Teichert Berlin 1998
aus Zyklus “Zoologischer Garten” 1995-1998
Acryl und Wachsstift auf Baumwollnessel
4 Keilrahmen montiert, zusammen 285 x 270 cm

In der Alten Pinakothek München hängt eines der größten Meisterwerke von Peter Paul Rubens. In einem schweren, goldenen Prunkrahmen thront das große Gemälde gleichsam an der Wand: “Der Raub der Töchter des Leukippos” von 1618.

Zwei üppige nackte Frauen werden von zwei Reitern entführt. Rubens gelingt es, die Figurengruppe in einem Strudel aus heftigen Bewegungen derart zu vereinen, dass sich die Szene in einem einzigen Wirbel aus der Bildmitte heraus zu entfalten scheint wie ein riesiges Blumenbouquet. Dabei treten die herrlichen Farben und betörneden Details derart prachtvoll hervor, dass man das dramatische Thema des Bildes leicht vergisst. Es verschwindet in der oppulenten und raffinierten Inszenierung wie das Körnchen im Perlmutt einer glänzenden Perle.
Kai Teichert erzählt in seinem Bild von einer wohlplatzierten Farbbeutelattacke auf das Rubenswerk. Oder ist es gar Blut, das nun mitten aus dem Gemälde rinnt wie aus einer großen Wunde? Jedenfalls zerreißt dieses imaginäre Attentat den kunstvollen Schleier euphemistischer Verklärung und offenbart den brutalen Stoff der Szene: Es handelt sich um die gewaltsame Deportation zweier Frauen, da gibt es nichts zu beschönigen.

Attentat auf Renaissance Vedute

Kai Teichert Berlin 1997 aus Zyklus “Zoologischer Garten” 1995-1998
Acryl und Wachsstift auf Baumwollnessel, 145 x 270cm

In diesem Bild schildert Kai Teichert eine Attacke auf die berühmte Renaissance Vedute aus der Berliner Gemäldegalerie, indem er auf die idealisierte Stadtansicht von 1495 ein Graffify überträgt, das er 1997 im Bahnhof Friedrichstraße kopierte. “Try S” war dort ursprünglich wohl als Drogenempfehlung gedacht, bekommt aber im neuen Zusammenhang eine völlig andere Bedeutung.

Die 90-er Jahre waren geprägt von einer lebhaften Debatte um die zukünftige Entwicklung Berlins. Nach Jahrzehnten des Dornröschenschlafs als geteilte Stadt erlebte Berlin seine Renaissance als Hauptstadt Gesamtdeutschlands. Alle großen Architekturbüros versuchten sich in Stellung zu bringen für die enormen Bauaufträge, die von der Regierung und von großen Konzernen vergeben wurden. Der Bauboom bescherte der Stadt eine neuerliche Gründerzeitstimmung und mit atemberaubender Geschwindigkeit wurde ein Großprojekt neben dem anderen in Angriff genommen. Berlin Mitte war über Jahre eine einzige riesige Baustelle. Reihenweise wurde ein schnörkelloser und funktionaler Klotz aus Beton und Glas neben den anderen gesetzt und viel schützenswerte ältere Bausubstanz wurde nicht nur aus Zeit- und Kostengründen zerstört, sondern auch, weil es politischer Wille war die Erinnerung an die DDR klein zu halten.

Die Architektur Vedute aus dem 15. Jahrhundert ist ein erstklassiges Beispiel für die Erfindung der Zentralperspektive. Erstmals war es möglich, Gebäude mit einer glaubhaften und “stimmigen” Raumtiefe aufs Papier zu bringen, indem man alle Fluchtlinien auf einen Punkt am Horizont bündelte und so den Ort des Betrachters im Bild genau festlegen konnte. Alle Konstruktionslinien im Bild laufen also gerade und strahlenförmig zusammen in einem Fluchtpunkt. Wir alle kennen das Phänomen heute gut von der Autobahn, wenn wir mit hoher Geschwindigkeit geradeaus fahren. Und tatsächlich sieht das Straßenpflaster in der Vedute aus wie eine menschenleere Rennstrecke zu Horizont. Eine andere Bewegung, etwa meandernd in Schlangenlinien scheint in diesem Bild nicht vorgesehen.

Vor diesem Hintergrund wird die aufgesprayte Empfehlung “Try S” ein klares Statement. Es ist eine Aufforderung, die geschlungenen Wege des Lebens nicht aus dem Auge zu verlieren, denn der Mensch ist und bleibt organischer Natur. Die Versuchung ist zwar groß, auf der Ideenautobahn schnurstraks einen Punkt am Horizont anzusteuern, aber meist bleiben dabei menschliche Grundbedürfnisse auf der Strecke.

Insofern formuliert das “Sprayattentat auf Renaisance-Vedute” auch einen Appell an die verantwortlichen Architekten und Stadtplaner Berlins, eine humane und organische Stadtentwichklung zu betreiben und nicht alles dem blanken Funktionalismus unterzuordnen.
Heute, fast 20 Jahre später, scheint es, dass die Bitte an einigen Stellen sogar gehört wurde.

Rhinozeros und Kirchners Potsdamer Platz

Kai Teichert Berlin 1996
aus Zyklus “Zoologischer Garten” 1995-1998
Acryl und Wachsstift auf Baumwollnessel
4 Keilrahmen montiert, zusammen 290 x 440cm

Ernst Ludwig Kirchner hat das mondäne großstädtische Pulsieren des Potsdamer Platzes 1914 sehr ausdrucksstark eingefangen in seinem berühmten Gemälde, das sich heute in der Neuen Nationalgalerie befindet.

Nach dem 2. Weltkrieg war der Potsdamer Platz völlig zerstört und über Jahrzehnte eine Brachfläche im Todesstreifen der geteilten Stadt.

Der Mauerfall öffnete den Platz wieder. Für einige Jahre war er nun eine weite leere Ebene mitten in der wiedervereinigten Stadt, ein Ort der Freizeit, der Hoffnung und der Träumerei. Hier war der Himmel über Berlin so groß, wie man es heute auf dem Tempelhofer Feld erleben kann.
Doch zügig machte sich ein internationales Konsortium daran, diese urbane Lücke wieder zu schließen.

Als Kai Teicherts Bild entstand, war der heutige Potsdamer Platz die größte Baustelle Europas, und alle Welt konnte von der roten „Infobox“ aus mitverfolgen, wie gigantische Baumaschinen ein riesiges Loch in den märkischen Sand gruben, das dann mit Unmengen von Beton wieder gefüllt wurde. Die Kolonnen der Zementmischtransporter stauten sich über Jahre vor der Grube, um ihre graue Masse in die Gussformen zu pumpen. Ihre großen Trommeln erinnerten den Künstler an die Bäuche von Panzernashörnern.

Überhaupt drängte sich das Nashorn als Sinnbild für die brachialen Kräfte, die hier wirkten, geradezu auf. Der neue Potsdamer Platz wurde in die Erde gestampft. Mit dem alten Platz aus Kirchners Tagen hat dieser Ort nichts mehr gemein. Kirchners Gemälde steht kopfüber vor einem lebensgroßen Rhinozerosbild, dessen Urgewalt sich förmlich in den Platz ergießt.