Northern White Dying

Kai Teichert 2016
Kohlezeichnung auf Nessel
320 x 320cm

Exhibition

Schaufenster Raum für Kunst Berlin 2016

Das nördliche Breitmaulnashorn (Northern White Rhinoceros) stirbt aus. Es gibt nur noch drei lebende Exemplare weltweit, die sich nicht mehr fortpflanzen können. Diese Nachricht ging 2015 durch die Presse.

Die Zeichnung von Kai Teichert zeigt ein afrikanisches Breitmaulnashorn, das unter einem großen Autoreifen wie an einem Ballon übers Wasser schwebt. Dabei wirkt es steif, wie ausgestopft. Es hängt an dünnen Fäden, die aus kleinen Einstichstellen nach oben ziehen und das Tier scheinbar schwerelos in der Luft halten. Darunter sitzt feierlich gekleidetes Volk in einem kippeligen Schlauchboot und beobachtet die “Erscheinung” wie aus einer Theaterloge.

Die Kohlezeichnung ist gespickt mit Anspielungen auf Nashorn-Darstellungen aus der Kunst- und Filmgeschichte - und gleichzeitig ein Abgesang auf die Menschheit, die ihr überfülltes Rettungsboot zum Narrenkahn macht. Hieronymus Bosch hat sein Narrenschiff gemalt mit einem Baum anstelle eines Mastes. Der Baum in Teicherts Boot hat nur noch drei Blätter, anspielend auf die drei noch lebenden Exemplare der aussterbenden Art.

Man wird sich bei den gezeichneten Personen an James Ensors Gestalten erinnern und an Pietro Longhis Bild einer venezianischen Gesellschaft mit Masken, die über eine Brüstung ein einsames Nashorn begafft. Es handelt sich dabei um ein indisches Panzernashorn, das um das Jahr 1750, mit den Namen "Jungfer Clara" durch Europa tourte. Das Tier wurde berühmt, weil es als erstes Nashorn viele Jahre in Europa überlebte. Es wurde in dieser Zeit von einigen Künstlern studiert und abgebildet. Das imposanteste, lebensgroße Portrait von "Clara" hat wohl Jean-Baptiste Oudry geschaffen. Es hängt heute im Staatlichen Museum Schwerin.

Albrecht Dürer hat sein Nashorn 1515 bekanntlich nur anhand von Beschreibungen gezeichnet. Zwar war im selben Jahr ein lebendes Nashorn nach Lissabon gelangt, aber es starb wie alle anderen kurze Zeit später und erreichte Rom 1516 nur als ausgestopfte Trophäe. Raffael malte dort 1518 ein Nashorn in seine "Schöpfung der Tiere".

Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass das sagenumwobene Einhorn ursprünglich zurückgeht auf das Nashorn, das in antiker Zeit noch in Mosaiken auftaucht, im Mittelalter aber ins Reich der Fabelwesen "abtauchte".

In der Steinzeit lebten Nashörner auch noch in Europa. So ist es nachvollziehbar, dass die vitalsten Nashornzeichnungen gleichzeitig die ältesten sind: Die ca. 30 000 Jahre alten Nashörner an den Wänden der Chauvet Höhle in Frankreich sind bis heute wohl unübertroffen.

Tatsächlich wirken Nashörner wie archaische Vertreter einer untergegangenen Welt und es wundert nicht, dass die wenigen Populationen, die bis heute überdauert haben, der Expansion der menschlichen Zivilisation hilflos ausgeliefert sind. Sie kommen peu á peu unter die Räder. Dass sie mittlerweile millionenfach gefilmt, fotografiert wurden, ist dabei nur ein schwacher Trost.

Federico Fellini hat für diese traurige Tatsache 1983 ein starkes und absurdes Bild gefunden: Das "Schiff der Träume" versinkt mit Mann und Maus in den Fluten. Nur ein weinendes Nashorn, das im Frachtraum des Luxusdampfers dahinvegetierte, überlebt den Untergang allein in einem Rettungsboot.