Pfaueninsel

Saarländische Galerie Palais am Festungsgraben
Kunstverein Familie Montez Honsellrücke Frankfurt/Main

Pfaueninsel

Die Saarländische Galerie hatte mir ihre Räume im Berliner Palais am Festungsgraben während der Sommerpause 2014 zur Verfügung gestellt. So konnte ich dort ein Wandbild auf einem 3,2x10m großen Baumwollnessel verwirklichen; einen großen „Menschenbaum“. Das Baumthema beschäftigt mich ja schon seit Jahren.

„Pfaueninsel“ ist ein sehr komplexes Bild, obwohl es auf den ersten Blick heiter, ja dekorativ daherkommt, auch weil ich, wie schon bei meinen großen Chinabildern, auf Schwarz verzichtet habe und stattdessen Rötel, Aquarell- und Pastelltöne dominieren.

Es zeigt einen großen blühenden Baum mit ausladenden Ästen, dessen Wurzelwerk eine Insel bildet in einem undefinierten See, dessen Horizont in Lichtnebel der tief stehenden Sonne verschwunden ist.
Der Stamm und auch die Wurzeln sind ein knorriges Geflecht aus etlichen, ineinander verschlungenen, lebensgroßen Menschenleibern. Bei genauer Betrachtung kann man zwei Menschenketten erkennen, die sich korkenzieherartig umeinander winden und den Stamm windschief nach rechts beugen. Die eine speist sich aus dem dominanten Figurengeäst der größeren linken Bildhälfte. Es ist eine Kette aus zumeist männlichen Körpern, die wie gefallene Krieger in einem Sog nach unten taumeln wie in einem Höllensturz. Ihre Körper graben sich links des Stammes wie gewaltige Wurzeln in die Erde. Die Wurzeln der rechten Seite dagegen bilden sich aus Körpern, zumeist Frauen, die sich als zweite Menschenkette anschicken aus der Erde heraus durch den gewundenen Stamm aufwärts zu sterben gen Himmel, um schließlich im Astwerk der rechten Seite aufzugehen. Es laufen also zwei entgegen gesetzte Bewegungsrichtungen durch den Stamm, die wie zu einem Knoten erstarrt scheinen. An zentraler Stelle sind die Geschlechter der verschlungenen Menschenketten vertauscht und treffen küssend aufeinander. Die Geschlechter repräsentieren hier natürlich die Polarität, die unser menschliches Denken prägt. Animus und Anima, Yin und Yang und so weiter.

Außerdem besteht der Stamm aus einer dritten Qualität. Schlangengleich windet sich ein armdicker Knöterich empor, dessen Wurzeln sich wie Adern aus den Wurzelkörpern an der Erde zu nähren scheinen und dessen weiterer Verlauf sich oben im Dickicht der Blüten und Blätter verliert.

Die Blätter des Baumes sind schlicht und erinnern in Form und Farbe etwas an Oleander oder Lorbeer, die Blüten sind tellergroße, rosa- und fleischfarbene Gebilde, in deren Zentrum Sexszenen in unterschiedlichsten Stellungen „blühen“, die teilweise durch erotische Zeichnungen berühmter Kollegen inspiriert sind.

Man muss schon sehr genau hinsehen, um in diesem Dickicht, das sich über dem Stamm saftig entfaltet, die lebensgroßen menschlichen Körper zu erkennen, die das Astwerk bilden. Man wird feststellen, dass jeder sichtbare Zweig gleichzeitig eine Körperlinie ist. Zur Peripherie hin wird das Laub schütter, die Figurenumrisse treten klarer hervor.

Im Zentrum der größeren linken Bildhälfte steht die tief stehende Sonne, die schematisch in Lichtkreisen gearbeitet ist und gleichzeitig auch der Mond sein könnte (Sun + Moon = Soon). Rosa, Orange, Gelb und Türkis leuchten die Kreise. Sie symbolisieren menschliche Erkenntnis, Religion und Wissenschaft als Keimzellen aller Kultur und jeden Staatswesens. Vor dieses System aus Lichtkreisen schiebt sich ausladend der linke, dominante Ast des Baumes, sodass man im Astwerk deutlich eine Gruppe prächtiger Männer erkennt, die im Gegenlicht stehen und scheinbar miteinander debattieren, wie in einem antiken Fries oder Relief. Zentral sieht man den berühmten, vitruvianischen Mann im Kreis (Leonardo Da Vinci), sein Kopf aber ist das von Laub umrankte, ebenmäßige Gesicht einer weiblichen, schwarzen Schönheit. Daneben gebärdet sich ein kräftiger Mann wie ein anatomisches Schaumodell des Andreas Vesalius. Weiter außen kämpf ein El Greco-Jüngling manieriert mit einem der Sonnenkreise wie mit einer Schlange. Noch weiter zum Bildrand hin werden die Zweige karg und die Figuren skizzenhafter. Schließlich verlieren sie sich in fratzenhaften Wölkchen, die wie ein Nimbus über dem schemenhaften, fahlblauen Fährmann schweben, der seinen Nachen auf dem stillen See langsam aus dem linken Bildrand schiebt.

Derselbe Kahn schiebt sich mit einer ebenso schemenhaften, sitzenden Figur im Bug vom rechten Bildrand aus wieder ins Bild, als ob er einmal um die Insel herum gefahren wäre. Die kleinere rechte Seite des Baumes ist „weiblichem“ Astwerk gewidmet. Die dünnen Zweige in der Peripherie zeigen Frauen, die teils in orgiastischer Verzückung in den Himmel fliegen, eine schwebt wie die berühmte schlafende Venus des Giorgione. Im saftige Grün, näher zum Stamm hin, findet der aufmerksame Betrachter zwischen den Blüten Frauenfiguren bei der Begattung, während der Schwangerschaft, bei der Geburt und als stillende Mütter.
Merkwürdige Mischwesen aus Vogel und Mensch bevölkern den Baum.

Auf der „Frauenseite“ tummelt sich ein Schwarm papageienartiger „Engelvögel“ in den Zweigen. Rücken, Kopf und Arme ihres puppengroßen menschlichen Körpers sind signalrot gefedert mit langen blauen Schwungfedern an Flügeln und Schwanz. Sie flirten nicht nur untereinander, sondern auch mit den Frauen, die das Astwerk verkörpern. Unter sie haben sich 2 weiße „Tittentauben“ gemischt und drei clowneske „Pimmelköpfchen“. Weiter oben tiriliert ein kleiner „Schwanzsänger“. Außerdem kann man im satteren Grün eine graue „Teule“ finden, deren Gesicht Ähnlichkeit mit meinem hat.

Im Geäst vor den Kreisen des Sonnensystems sitzt eine Schar „Debattiervögel“. Diese kleinen, grauen Gesellen bestehen nur aus Kopf und Flügeln und jedes Gesicht hat eine Ähnlichkeit zu einem großen Geist der Menschheitsgeschichte. Mit etwas Phantasie könnte man an Nietzsche, Gandhi, Marx, Osho, Darwin, Montaigne, Jung, Goethe, Einstein, Kant, Sokrates, den Papst, einen Rabbiner und einen Muslimführer denken oder auch an viele andere. Jedenfalls machen sie alle ordentlich Geschrei im Sonnenkreis.

Nur einer hat sich entfernt und sitzt nun als quittegelber Sonderling oder „Jokervogel“ mit breitem Grinsen bei den Wurzeln auf der Frauenseite, hinter den beiden „Fotzenkranichen“, die dort mit ihren Vaginaschnäbeln auf „Cocks“ lauern. Diese „Cocks“ sind erigierte Penisse mit Hühnerbeinen. Sie laufen an den Wurzel umher. Dort werden sie außerdem gejagt von „Geiermännchen“ mit dunkelblauen Schwingen. Diese Aasvögel scheinen auch Interesse and den menschlichen Körpern zu haben, die mit geschlossenen Augen das Wurzelwerk des Baumes bilden. Das Gesicht eine gefallenen Kriegers hat sich vor ihnen so lila gefärbt, wie das Gesicht der schönen Schwarzen, die ganz oben im Bild wie ein ewiger, makelloser Schatten über dem Sonnenkreis thront.

Dort wo das Sonnensystem sich im Wasser spiegelt, tänzeln ein paar zartgliedrige Schnepfenvögel im seichten Nass. Ihr silberfarbenes Gefieder scheint das Licht erneut zu reflektieren. Beobachtet werden sie von einem stolzen Pfau, der zuoberst auf den Wurzeln sitzt. In seinen Schwanzfedern leuchten die Augen all derer, die mit geschlossenen Augen zu seinen Füßen im Wurzelwerk liegen. Er ist der Herrscher über die Eitelkeit der Welt, sein Kopf trägt die Züge eines vollbärtigen Gottvaters. Die „Pfaueninsel“ ist sein Reich.

Ich habe diesen Titel gewählt, weil es in Berlin wirklich eine „Pfaueninsel“ gibt. Ich habe ja bereits einen „Lustgarten“, einen Zyklus „Zoologischen Garten“, eine „Tiergarten“- Serie und meine „blühenden Landschaften“. Alle sind auch thematisch mit den realen Orten verknüpft. Mein Bild „Pfaueninsel“ ist ein entrückter und heiterer Ort der Phantasie, ein Geflecht aus Bedeutungen, Assoziationen und Metaphern. Ein spielerisches Nest.“ Kai Teichert, Berlin 2014

Kai Teicherts Menschenbaumgericht

man nehme:
2 große Rippchen Adam und Eva (z.B. von Dürer, Cranach o.ä.)
1 fettes Stück Höllensturz (Bosch, Brueghel o.ä.)
1 geballte Portion Himmelfahrt (satter Barockschinken)
1 Würfel Sixtinische Kapelle (Michelangelo geräuchert)
2 Laokoonfilets (1vatikanisch-römisch und 1 El Greco)
1 Scheibe Vitruv (Leonardo da Vinci)
einige Fetzen Vesalius
ein paar Brocken Pergamonfries
einige Venusbrösel (Botticelli und Giorgione)
eine Gräte Géricault (Floss der Meduse)
ein Hauch Toteninsel (Böcklin)
einige Arcimboldo-Rosinen
Blumenkraut und Landschaftsöl

Fond aus:
ein großer Schwenk Daphnesaft (Ovid Metamorphosen)
eine Schnabeltasse Aristophanes (die Vögel)
ein Beutel Kamasutrasahne
je eine Gabel Dantes „Commedia Divina“ und Pasolini „120 Tage“
ein paar Tropfen Kalloskagathos (antikes Schönheitswässerchen)
eine Idee olympische Disziplin
gestampfte Philosophiesamen (mit Urgoethekeimen, Nietzschekörnern und Oshobohnen)
eine Prise Weltliteraturmischung
ein Medicuskügelchen (homöopathisch, hoch potenziert)
eine Nase Städelschulrotz
ein Klacks Flowerpower
ein Quäntchen modernes Allerlei
esoterisch salzen

Fond Jahrzehnte ziehen lassen
Dann alle Zutaten in einem Topf (oder Kopf) geben, gründlich von Hand mischen und zusammen bei großer Hitze schwitzen lassen. Anschließend schnell vom Feuer nehmen, bevor alles verdampft.
Zum Verzehr großzügig (3x10m)und farbenfroh(Rötel,Acryl,Pastell) anrichten, als „Pfaueninsel“ garnieren.