Vortrag zur Goethe´schen Urpflanze

Kai Teichert 2016
Rauminstallation in Galerie Mühlfeld Storer Frankfurt/Main 2016
Kohle auf Baumwollnessel
insgesamt ca. 310 x 1275 cm

“Der Baum und was aus ihm erwächst, ist ein frühzeitig anvisiertes Schlüsselmotiv in Kai Teicherts künstlerischer Arbeit. Die Geschichte der Daphne aus Ovids Metamorphosen steht für Teichert in Verbindung mit allen Baumgestalten, die Teichert in den letzten Jahren formuliert hat. Er sagt: „Das Körperlich-Vegetative entzieht sich dem Zugriff der Vernunft“. Daphne flieht das Apollon-Prinzip… Doch auch die ökologischen Fragestellungen der Jetztzeit berührt Teicherts Arbeit und schlägt einen Bogen zwischen Kreatur und Homo sapiens, Flora und beseelter Existenz. „Die Frage, wie der Mensch mit den Geschöpfen im Garten Gottes umgeht, ist aktueller denn je. Ich meine nicht nur die Flora und Fauna unseres Planeten, sondern auch die Flora und Fauna in jedem einzelnen von uns, unsere Triebe und Träume, unsere Bedürfnisse und Wünsche, eben jenen Pool von organischen Kräften, in dem alle Fäden unserer Existenz zusammenlaufen“, sagt Kai Teichert.” (Zitat Dorothee Baer-Bogenschütz 2014)

Goethe hat den Begriff der “Urpflanze” in seiner Metamorphosenlehre geprägt. Rudolph Steiner hat ihn in die Lehre der Anthroposophie als Sinnbild organischer Lebensentfaltung übernommen: “Was dachte sich Goethe als Urpflanze? Diese Urpflanze ist nicht ein sinnliches Gebilde. Diese Urpflanze nennt Goethe selbst eine sinnlich-übersinnliche Form. … Es ist also viel Unsichtbares, Übersinnliches in einem Blatt, die ganze Pflanze ist in einem Blatt. Ebenso aber auch ist das ganze Kopfskelett in der Wirbelsäule schon. Wirbelsäule und Kopfskelett bilden zusammen ein Ganzes, und die komplizierten Kopfknochen sind ebenso umgebildete Wirbelknochen, wie die Blütenblätter, ja wie die Staubgefäße und der Stempel umgebildete grüne Blätter der Pflanze sind. …”(Rudolph Steiner, Lit.: GA 171, S. 282ff) Es geht also grob gesagt darum, das Wachsen und Gedeihen, das Blühen, Fortpflanzen und Welken auf die menschliche Natur zu übertragen.
Zu diesem Thema hat Kai Teichert eine Ausstellung in Frankfurt am Main realisiert, die auch seine Hörsaalerfahrungen aus der Medizinstudienzeit in Frankfurt reflektiert.

Gezeigt wird ein klappriger, hölzerner Hörsaal, der prall gefüllt ist mit Zuhörern. Das Publikum ist ein Spiegel der Gesellschaft: Nackte und Angezogene, Schöne und Schaurige, Penner und Professoren, Alte und Kinder, Verliebte und Affen. Dazu allerlei symbolträchtig Accessioirs. Alle schauen gebannt auf den Besucher der Installation. Sie warten darauf, dass der Besucher den angekündigten Vortrag zur "Goethe´sche Urpflanze" beginnt. Die "Urpflanze" ist nämlich der Betrachter selbst. Kai Teichert hat lediglich das Auditorium gezeichnet.
Es handelt sich um drei wandfüllende Kohlezeichnungen auf Baumwollnesselbahnen, insgesamt ca. 310 x 1275 cm lang. Sie können je nach Raumgegebenheiten in U-Form, Halbrund oder auch gerade wie eine Tribüne installiert werden.
Jedes der 3 Teilstück hat ein eigenes Motto:
1. MORS CERTA, HORA INCERTA (Der Tod ist sicher, die Stunde unsicher)
2. DAS VATERLAND UND DIE RELIGION, DAS SIND NUR KLEIDUNGSSTÜCKE, FORT MIT DER HÜLLE; DASS ICH ANS HERZ DEN NACKTEN MENSCHEN DRÜCKE. (aus Heinrich Heines Lied der Marketenderin) -Durch den langen Rock der zentralen Figur kann man hindurchgehen und hinter dem Bild verschwinden.
3. SOL LUCET OMNIBUS (Die Sonne scheint für alle)

Wenn man die 5 Bankreihen des Hörsaals als Notenlinien betrachtet, kann man eine einfache Melodie von Mozart entdecken, die in das Publikum eingearbeitet ist : KOMM, LIE-BER MAI UND MA-CHE DIE BÄU-ME WI-E-DER GRÜN.
Nimmt man alle Köpfe, die in den Reihen des Auditoriums gezeichnet sind, als Notenköpfe, dann ergibt sich eine Partitur, deren musikalische Umsetzung noch aussteht.

Die “Partitur” zeigt den amateurhaften Versuch, die Raumzeichnung in spielbare Notenakkorde zu übersetzen, wobei die Noten der Mozartmelodie mit einem # gekennzeichnet sind. KT 2016