Herzkammerbildchen Mus´und Weh 2005

Format: A series of twenty four, oil on canvas,
40 x 40cm each.

Picture no.1 is a detail from Tiergarten Series no.5.

Collection:
Museum Montanelli, Praha, CZ.

ventricular spasms or beyond the inferno

by Christoph Schütte
Translated into English by Joerg von Stein

No, no, no - there is no need to come up with Dante all the time. After all, it's a while ago that he found inspiration on the edge of a then more familiar underworld, and kept many a poor soul in awe since. If things in the infernal abyss of the middle ages were indeed anything like Kai Teichert's red hot painting you'd probably have to pay to get in. A continuously revolving spectacle of eroticism, song and dance, inebriation, cheerful posing here, silliness there, inhabits the intimate stage of 1965 born Kai Teichert's painting. So there is no reason to abandon hope as you enter this universe with Dante still on your mind. And yet...

The atmosphere in which these miniature "ventricular" paintings are steeped has little in common with other, more lofty celebrations of life that have their origin in earlier, more unequivocally merry times and which we appear to encounter here at first glance. In this vibrant celebration of existence, the vestiges of communal feasting merely amount to swaying collectively in a state somewhere between a drunken stupor and deep exhaustion. When this isn't on, the mood is one of leisure or rather boredom. We are immersed, not in the hot fray of our contemporary inferno, but rather in those memorable, heady party years immediately preceding the end of Utopia. Teichert overwhelms the viewer with the an atmosphere of charged eroticism, where, for one long, ecstatic moment everything seemed possible; where subculture flourished seductively in the rediscovered centre of the old town amongst the abandoned ruins of socialist Berlin. Until the fever spread, became less virulent, and all that remained was a mild temperature.

Life simply as reflected in the flood of media images does not yet represent any painterly purpose for Kai Teichert. In a classical, pleasantly anachronistical fashion, even whilst euphoria in painting currently abounds, he allows himself to invent his own images of the world as he perceives it. As this happens he is painting in oil on canvas, depicting reality as it represents itself, if only you look close enough. With the series of miniature "ventricular" paintings Kai Teichert, whose work has always contained references from the Baroque via Symbolism to motifs of a surrealist inspiration, is condensing into a modest format scenes from an allegorical narrative with neither beginning nor end - and, of course, no escape route. Which is precisely the point of this strangely undefined world, populated by human bodies and their long, black shadows: a red hot circus arena, easily taken for real, while you are an integral part of the spectacle.

Perhaps the viewer of Kai Teichert's earlier "Tiergarten" (Berlin's great central park) series might simply have been bemused by its grandiose and fantastically inspired evocation of dreams and nightmares, idyll and the abyss co-existing, if not peacefully, then at least quite naturally together in what appeared to be the expanse of an open air stage. Here, in this much more concentrated theatre round though, any reference to an outside, to any remnants of reality beyond the stage, are missing. Quite obviously this continuous circus round is self-reliant.

Initially the artist's vision of these vain frolics appears to be a comical and ironic one, occasionally verging on bitter sarcasm: is it not the exemplary figure of the artist himself that stands at the centre of this light-handedly enacted succession of pictures? The artist myth, magician, genius - and with whatever else has been rumbling about since primeval times all included. The failure - once grand - of the artist in full public view now only elicits pity or even ridicule. Death on this stage is pointless. Hence, what must be a crucifixion in the aftermath of the toppling of the artist from his throne, a scene with which Kai Teichert inaugurates his round, bears no mystery at all.
Everyone has long ceased to mention salvation. What remains is the artist's role as an extra, a jester maybe, what he has perhaps always been, anyway. Sebastian, who, with his painted wounds would perhaps mildly entertain his public - but overall he is just boring. At least, after these grandiose little flutters of ventricular spasms, the inferno holds no horror anymore. And why should it? Kai Teichert's painting has long found its place beyond this simple stage.

Herzkammerflimmern oder Jenseits des Infernos

Nein, nein, man muss nicht immer gleich mit Dante Alighieri kommen. Ist schließlich auch schon eine Weile her, dass er an der Schwelle zur heute nicht mehr recht vertrauten Unterwelt geschrieben fand, was arme Seelen fortan doch ein wenig schreckte. Und ginge es in infernalischen Gefilden auch nur halbwegs so zu wie in der glühenden Malerei Kai Teicherts, an der Pforte zur mittelalterlichen Hölle müsste man womöglich Eintritt zahlen. Eros, Tanz, Musik und Rausch, hier heiteres, dort schlicht ein wenig albernes Posieren - ein Reigen immerwährenden Spektakels ist es, den der 1965 geborene Maler auf intimer Bühne inszeniert. Kein Grund also, beim noch etwas schüchternen Betreten dieses Universums mit Dante alle Hoffnung fahren zu lassen. Und doch.

Die Atmosphäre, in die diese „Herzkammerbildchen“ getaucht sind, hat wenig gemein mit einer hehren Feier des Lebens und des Glücks, wie man es aus früheren, der Lust am schieren Dasein ganz selbstverständlich zugewandten Zeiten kennt und wie es ein erster, flüchtiger Blick durchaus nahelegen könnte. Im pulsierenden Hier und Jetzt der Bilder bleibt vom gemeinsam freudig zelebrierten Fest allenfalls ein kollektives Taumeln zwischen orgiastischer Verzückung und unendlicher Erschöpfung. Dazwischen, scheint es, herrscht mal Müßiggang, mal eher Langeweile.

Und schon sind wir mittendrin, nein, nicht im lodernden Inferno unserer Tage, aber doch im Treibhaus jener unvergessenen Party-Jahre, die nach dem Ende aller Utopien angebrochen waren. Denn Teichert führt den Betrachter mitten hinein in jenes auch erotisch aufgeheizte Klima, in dem für einen langen, rauschhaften Augenblick noch einmal alles möglich schien; wo in der neuen alten Mitte Berlins die Subkultur aus aufgegebenen sozialistischen Ruinen verführerische Blüten trieb. Bis das Fieber um sich griff, ein wenig sank im Zuge dessen, und nichts blieb als erhöhte Temperatur.

Allein, wie sich das Leben in der Flut der Medienbilder spiegelt, das ergibt für Teichert noch keinen malerischen Sinn. Ganz klassisch, wohltuend anachronistisch auch im gegenwärtig ungehemmten Rausch der Malerei, erlaubt er sich das Erfinden eigener Bilder für die Welt, wie er sie sieht. Und malt aus dem Prozess heraus in Öl auf Leinwand, wie sie sich darstellt, schaut man nur genauer hin.

Teichert, in dessen Bildern sich immer schon Bezüge vom Barock über den Symbolismus bis zu einer bisweilen surrealen Motivik finden lassen, hat mit der Serie der "Herzkammerbildchen" in bescheidenem Format Szenen einer allegorischen Erzählung verdichtet, die im Grunde keinen Anfang und kein Ende kennt. Vor allem aber: keinen Ausweg. Und darauf kommt es an in dieser seltsam undefinierten, von nichts als Körpern und ihren langen schwarzen Schatten bevölkerten Welt: einer rotglühenden Manege, die man, inmitten des Spektakels stehend, gerne für das Ganze hält.

Mochte man angesichts von Teicherts „Tiergartenserie“ noch vor allem staunen ob einer vom Phantastischen beseelten, grandiosen Inszenierung, wo Traum und Albtraum, Idylle und Abgrund, nun ja, nicht wirklich friedlich, aber doch ganz selbstverständlich wie auf weiter Freilichtbühne beieinander wohnen, so fehlt in diesem rotierenden, ungleich konzentrierteren Theater jeder Hinweis auf ein Außen, auf einen Rest von Welt jenseits der intimen Bühne. Denn der Zirkus, der sich hier unaufhörlich dreht, genügt sich offensichtlich selbst.

Der Blick des Malers auf dieses eitle Spiel ist zunächst komisch und voller Ironie, manchmal freilich auch sarkastisch bitter. Steht doch im Zentrum der leichthändig hingetanzten Bilderfolge die exemplarische Figur des Künstlers selbst - Mythos, Magier, Genie und was des ehrfurchtsvollen Raunens seit Urzeiten mehr ist, alles inklusive. Und damit sein Scheitern auf offener Szene, das einmal groß hieß, nun aber allenfalls noch Mitleid wecken, wenn nicht gar lächerlich erscheinen mag. Denn auf dieser Bühne wird umsonst gestorben. Jene unweigerlich an eine Kreuzabnahme gemahnenden Szene etwa, die auf den umgestürzten Fürstenthron des Malers folgt, mit dem Teichert den Reigen eröffnet, sie birgt keinerlei Mysterium.

Und von Erlösung spricht schon lange niemand mehr. Was bleibt, ist des Künstlers eher undankbare Rolle als Statist, als Narr vielleicht, der er womöglich immer schon gewesen ist. Der, als ein eitler heiliger Sebastian mit aufgemalten Wunden, sein Publikum vielleicht noch ab und an ein wenig amüsiert - im Grunde aber mehr als alles andere zum Gähnen langweilt. Das Inferno freilich kann fortan, nach diesem kleinen, grandiosen Kammerflimmern, kaum mehr schrecken. Warum auch? Kai Teicherts Malerei hat ohnehin längst jenseits dieser schlichten Bühne ihren Ort.

Christoph Schütte